• Menu
  • Menu

Big Sister Mouse - Ein beeindruckendes Schulprojekt

Big Sister Mouse - Ein beeindruckendes Schulprojekt

Raphaela hat ja bereits vom Bildungsprojekt Big Brother Mouse erzählt, in Rahmen dessen Laos mit Büchern versorgt werden und Menschen der Zugang zu Büchern ermöglicht werden soll. Genauere Informationen finden sich hier: www.bigbrothermouse.com

Die Organisation betreibt zusätzlich zur literarischen Tätigkeit seit zwei Jahren auch eine Schule mit mehreren Schulstufen (vergleichbar mit unserem Kindergarten, Volksschule und Oberstufe). Neben Basisausbildung wie Lesen, Schreiben und Rechnen wird ein starkes Augenmerk auf das Erlernen der englischen Sprache gelegt. Schon die Kleinsten fangen an, mit Lernkärtchen Basisbegriffe zu erlernen. Dieses System zieht sich auch durch die höheren Schulstufen, wobei die Begriffe und Zusammenhänge etwas komplexer werden. Die Schule wurde eröffnet, da die Projektbetreiber mit dem öffentlichen System nicht zufrieden waren.

Eine gute Zusammenfassung des laotischen Schulsystems bietet die Homepage des Deutschen Auswärtigen Amtes:

„Die Einschulungsquote liegt nach Angaben der UNESCO bei 94 % für die Grundschulen (6-10 Jahre) und bei knapp 59 % für die Sekundarschulen (11-17 Jahre). Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Gegenden sowie zwischen Mädchen und Jungen nehmen allmählich als Ergebnis der durch internationale Geber unterstützten Maßnahmen der Regierung ab. Das öffentliche Schulsystem umfasst zwölf Schuljahre, davon fünf Jahre Grundschule (Eintrittsalter 6 Jahre), vier Jahre untere und drei Jahre obere Sekundarstufe. Die offizielle Schulpflicht beträgt acht Jahre, die in den ländlichen Gebieten selten erreicht werden. Unterrichtssprache ist Laotisch, die Sprache der Bevölkerungsmehrheit. Als wichtigste Fremdsprache wird Englisch an staatlichen Schulen sowie an zahlreichen privaten Einrichtungen gelehrt. Das dort erreichte Sprachniveau ist allerdings sehr niedrig. Das verbreitete Verlassen der Schule nach nur fünf Schuljahren ist von der laotischen Regierung offiziell als Begründung für eine gesetzliche Neuregelung angegeben worden, wonach seit 2014 die Anstellung von mindestens 12-Jährigen in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen erlaubt ist.“

Von älteren Schülern der Big Sister-Schule wird uns erklärt, wie sie bisher Schule in Laos erlebt haben. Der Unterricht besteht aus stupidem Auswendiglernen. Ein Lehrer steht an der Tafel einer 60-köpfigen Schulklasse und interessiert sich wenig für deren Fortkommen. Wichtig ist nur, die Zeit rumzukriegen. Unterrichtsausfälle sind die Regel, da die Lehrer oft aufgrund anderer Verpflichtungen (weitere Jobs die lukrativer sind…) fehlen. Die Schüler bleiben auf der Strecke und nur die wenigsten nehmen wirklich etwas aus ihrer Schulzeit mit.

Gegen diese Art des Unterrichts möchte das Big Sister Mouse-Projekt ankämpfen und Schülern mehr Abwechslung bieten. Dabei wird starkes Augenmerk auf Aktivität, Lesen und Verstehen gelegt. Außerdem sollen die Schüler Problemlösungskompetenzen entwickeln. Jede Klasse hat drei Lehrer für ca. 40 Schüler. Außerdem werden ältere Schüler, die die öffentliche High School bereits abgeschlossen haben dabei unterstützt, berufsrelevante Kompetenzen zu erlernen. Diese Schüler werden oftmals auch zu Lehrkräften an der Schule ausgebildet und unterstützen die Lehrer während ihrer Ausbildung in den Klassen. Außerdem werden immer wieder Touristen als Freiwillige gesucht, die in den Klassen für einen Tag unterstützend tätig werden und somit etwas Abwechslung bringen und das Englisch der Kinder weiter verbessern.

Klingt soweit also alles sehr gut. Bewerten werden wir das Ganze später. Raphaela hat vom Projekt gelesen und möchte das unbedingt machen. Und da ich Kinder doch ganz gut leiden kann, schließe ich mich an, auch wenn ich nicht ganz überzeugt bin (dabei geht es nicht um dieses spezielle Projekt, wir haben das Thema Freiwilligenarbeit in den letzten Monaten doch mehrfach kontrovers diskutiert). Wir sind also pünktlich am Morgen beim Büro von Big Brother Mouse und fahren in die Schule. Hier werden wir freundlich willkommen geheißen und kurz gebrieft. Anschließend werden wir auf die Kindergartenkinder losgelassen. Wir müssen uns in einen Kreis stellen und zur Aktivierung Übungen vormachen. Auf einem Bein stehen, die Ohren berühren, die Augen zuhalten… Und das alles auf Englisch erklären, damit die Kinder nachsprechen können. Anschließend bekommen wir Kärtchen in die Hand auf denen Tiere, Gemüse und Obst abgebildet sind und eine Gruppe von 6 Kindern zugewiesen. Auf der Rückseite der Karten stehen ein paar Fragen, die wir den Kindern stellen sollen. Dafür gibt es 25 Minuten Zeit. Und so versuchen wir unser Bestes, die Kinder bei Laune zu halten. Nach 25 Minuten gibt es einen Wechsel, wieder 5 Minuten im Kreis tanzen, dann Kärtchen und das Ganze dann noch ein Drittes Mal. Damit sind die Kindergartenkinder abgehakt, die Geschichte kannten sie augenscheinlich schon in- und auswendig. Die Kleinen sind unglaublich lieb und aufgeweckt und posen schon wie Insta-Stars. :-) 

Anschließend treffen wir uns mit den älteren Schülern. Hier gibt’s wenige Minuten Zeit für Kommunikation und wir lösen zusammen ein Sudoku (ich lasse mir das Ganze von einem hellen Kopf erklären :-) ). Als das Gespräch spannend wird (Palani erzählt über seinen Werdegang, was er in der Schule gemacht hat, wieso er hier ist und dass er gerne Arzt werden möchte, das aber für ihn kaum möglich sei), werden wir schon wieder abgezogen um eine (sehr interessante) Kurzlektion in laotischer Sprache zu bekommen. Wie in vielen Sprachen hat das gleiche geschriebene Wort je nach Betonung eine völlig andere Bedeutung. Außerdem lernen wir noch einige wenige Begriffe in Gebärdensprache. Trotzdem hätte ich mich gerne mit Palani weiter unterhalten.

Anschließend gibt es (sehr leckeres) Mittagessen. Besonders die getrockneten Algenblätter sind ein Hit. Hier lernen wir auch den Gründer des Projektes kennen, der uns ausführlich Rede und Antwort steht. Der Stolz für seine Arbeit und seine Leistungen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Durchaus verständlich, schließlich hat er sozusagen das Buch nach Laos gebracht. Eine faszinierende Unterhaltung.

Dann geht’s auch schon wieder weiter. Die Volksschüler sind dran. Nach fünf Minuten tanzen (zu einem youtube-Video) bekommen wir Kärtchen und haben wieder 25 Minuten Zeit, die Begriffe zu erklären und den Kindern ganze Sätze zu entlocken. Das Ganze wieder drei Mal mit unterschiedlichen Gruppen.

Dann bekommen wir noch einmal etwas Zeit für die älteren Schüler, mit denen wir Karten spielen (Mathelernspiele-sehr helle Köpfe), Tiere raten und Fragen stellen auf Englisch anhand von Plakaten üben. Alles ist hier streng getaktet. Immer 25 Minuten, dann muss der nächste Programmpunkt abgehakt werden. Das ist uns etwas zu militärisch. :-)

Dann ist es auch schon Nachmittag und wir werden nach einem Gruppenfoto wieder zurück in die Stadt gebracht.

Irgendwie haben wir gemischte Gefühle. Einerseits hatten wir einen wirklich tollen Tag, haben viel gesehen und viel gelernt. Faszinierenden Menschen. Ob aber auch nur eines der kleinen Kinder von unserer Anwesenheit profitiert hat, wage ich zu bezweifeln.nDen restlichen Abend verbringen wir damit, den Tag zu verarbeiten und uns so unsere Gedanken zu machen. Das Schulprojekt ist eine hervorragende Sache, die Kinder lernen sicher wesentlich mehr, als an staatlichen Schulen. Wir haben den Einsatz der Lehrkräfte beobachten können, ebenso wie wir bei zahlreichen staatlichen Schulen einen Blick durch die Fenster geworfen haben. Die Lehrer in Big Sister Mouse kümmern sich um die Schüler und die Kinder sind aufmerksam und interessiert. Wir haben allerdings auch gemerkt, dass das Kärtchenspiel mit den Freiwilligen die Kinder unglaublich langweilt. Man zeigt ein Kärtchen, sie rufen ein Wort und das war‘s auch schon. Es wird einfach deutlich, dass jeder dieses Spiel schon unzählige Male gemacht hat – und sie deshalb jedes Kärtchen auswendig kennen). Da es aber durch die dauernd wechselnden Leuten keine durchgehende Linie gibt (genauso wie keine durchgehende Sprachkompetenz), lernen die Kinder im Endeffekt wenig bis gar nichts und die Aufmerksamkeitsspanne ist kaum vorhanden. Das geht sogar so weit, dass gewisse Kinder keine Lust haben, mit Freiwilligen zusammenzusitzen und sich schnell zu ihren Lehrern verziehen (die sprechen nämlich ihre Sprache…). Wir verstehen natrülich, wieso gerne Freiwillige für den Englisch-Unterricht herangezogen werden. Die Lehrer an der Schule haben nämlich selbst kaum Kenntnisse und "lehren" selbst nach den wenigen vorgedruckten Sätzen auf den Kärtchen. Fortschritte gibt es so bei den Kindern keine, da die vermittelten Informationen auf die Kärtchen begrenzt sind. Ming, die Dame, die uns in jede Gruppe einweist und selbst mit den Kindern englisch lernt, arbeitet erst seit sieben Monaten in der Schule und war davor Köchin. Sie ist diejenige, die die Zeitangaben und Aktivitäten vorgibt – auch für die älteren Schüler. In der Schule befinden sich auch einige Universitätsabsolventen (z.B. Mathe), die hier ihre Englischkenntnisse verbessern wollen um Lehrer zu werden. Nachdem sich das Projekt im Aufbau befindet, sind diese jungen Menschen die Zukunft der Schule.

Ich war ja nie ein sonderlicher Fan dieser Freiwilligenarbeit (die in Form des Voluntourismus schon bizarre Formen annimmt, z.B. Leute die 3.000€ und mehr an Agenturen bezahlen um 8 Wochen in einer Schule in Afrika zu unterrichten…). Und leider sehe ich meine Meinung bestätigt. Die Kinder brauchen zum Lernen Bezugspersonen, einen klaren Lehrplan und sehr viel Abwechslung. Das bekommt man nicht durch 1 bis 10 Freiwillige pro Tag. Wir hatten gehofft, mehr mit den älteren Schülern (die sind um die 20) zu tun zu haben. Diese haben bereits Englischkenntnisse und somit ist Konversation hier sinnvoll, das Ziel ist ja, genau diese Kenntnisse zu verbessern. Aber Kindergartenkinder und Volksschüler? Dafür sind die wenigsten Touristen qualifiziert (in Laos wohl keiner, denn wie viele Touris sprechen schon Laotisch?).

Nur weil ich nämlich in Europa Matura oder ein Studium abgeschlossen habe, befähigt mich das noch lange nicht dazu, in Laos einem Kind Schulstoff zu vermitteln (und ich spreche hier in unserem Fall nur von einem Tag und gar nicht von den Leuten, die nach der Matura für mehrere Monate auf Kinder z.B. in Afrika losgelassen werden, nur weil sie glauben, dadurch etwas Gutes zu tun). Das Gleiche gilt aber für zahlreiche andere Bereiche: Der frische Absolvent der Biologie aus Frankreich, der am Inle See in Myanmar Menschen, die seit Generationen mit dem See leben etwas zum Thema Wasserbau erklären will, ist mir ebenfalls suspekt (haben wir so dort kennengelernt). Wenn es um sinnvolle Freiwilligenarbeit geht, sollte man schon einzigartige Fähigkeiten mitbringen. Ein Arzt wird meist sinnvoll sein, ebenfalls eine Hebamme. Diese Menschen haben Kenntnisse, die in Entwicklungsländern von zentraler Bedeutung sind. Gitarre spielen, um Kinder zu bespaßen (so schön es auch ist), gehört da wohl nicht dazu. Das führt dann nämlich zu solchen Abenteuern und das kann nicht wirklich der Sinn sein...

Wir finden die Arbeit der Organisation von Big Brother Mouse weiterhin großartig. Sie haben bisher ca. 400 Bücher ins Laotische übersetzt (z.B. auch das Tagebuch der Anne Frank; die Übersetzung hat zwei Jahre gedauert!). Viele Bücher wurden auch selbst geschrieben und editiert. Dazu wurde eine eigene Schriftart für Computer entwickelt, da die Vorhandenen für Laotisch unbrauchbar waren. Mit Hilfe der UNO werden zukünftig 277 Schulen im Norden von Laos mit Büchern versorgt. Diese Menschen haben die Freude am Buch nach Laos gebracht. Wir können uns doch nicht einmal vorstellen, dass es keine Bücher gäbe. In Laos war das normal. Was für ein Gedanke. Auch die Schule ist ein wunderbares Projekt und man sieht, wie viel Arbeit und Liebe investiert wird. Der günstige Preis (ca. zwei Dollar pro Tag inklusive Essen), ermöglicht es auch armen Familien, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Hier gibt’s die ganze Geschichte zum Projekt in einer kleinen Broschüre auf Deutsch. Hier klicken!

Freiwillige werden für solch ein Projekt natürlich gebraucht (und Spenden)! Ob es aber sinnvoll ist, sich an Kleinkinder zu wagen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir haben die Antwort für uns gefunden und werden uns zukünftig bei Projekten noch genauer überlegen, ob die Menschen wirklich von uns profitieren können. Denn darum geht’s doch im Endeffekt und nicht darum, ob wir uns dabei gut fühlen.

 

 

 

Comments


Empty

Leave a Comment: