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Von Maori und Kiwis

Von Maori und Kiwis

Der neue Morgen bringt wieder schönes Wetter. Heute steht Kultur auf dem Programm, denn wir wollen uns ein Maori-Dorf ansehen. Die Maori sind jene polynesische Volksgruppe, die bereits vor über 700 Jahren Neuseeland besiedelt hat. Heute machen die Maori 15% der neuseeländischen Bevölkerung aus. Mittlerweile lebt der Großteil der Maori in Städten bzw. in Vorstadt-Siedlungen. Wir besuchen eines der wenigen noch existierenden „living villages“ der Maori, Whakarewarewa. Armin steht dem Ganzen sehr skeptisch gegenüber und erwartet eine reine Touristen-Veranstaltung. Ich hoffe auf mehr, da der Spaß immerhin 24€ pro Person kostet.

Die Parkplatzsuche gestaltet sich zunächst als schwieriges Unterfangen. Nicht weil so viele Touristen hier sind. Nein, es findet ein Begräbnis statt. Da die Maori noch Großfamilienstrukturen pflegen, kommen sämtliche Verwandte und Bekannte aus Nah und Fern, um sich von den Verstorbenen zu verabschieden.

Trotz der Begräbniszeremonie bekommen wir eine Führung. Durch das Dorf führt uns Merenia, eine 20-jährige junge Maori-Dame, die sehr stolz auf ihre Geschichte und Kultur ist und uns voller Enthusiasmus von ihrem Volk erzählt. Kurzum: Sie macht das toll. Sie ist das glatte Gegenteil von unserer Hobbiton-Führerin gestern. Wir erfahren sogleich, dass man Whakarewarewa einfach mit „Whaka“ abkürzt, damit es nicht zu kompliziert ist. (Und ja, ich muss jetzt an den Song von Shakira denken. :D) Dies ist aber nicht der schwierigste Ortsname, an der Ostküste der Nordinsel gibt es einen 305m höhen Hügel, dessen Name aus sage und schreibe 85 Buchstaben besteht (Taumata­whakatangihanga­koauau­o­tamatea­turi­pukaka­piki­maunga­horo­nuku­pokai­whenua­ki­tana­tahu).

Zunächst dürfen wir den Trauermarsch beobachten. Die Särge werden nach draußen getragen, um später am Friedhof begraben zu werden. Selbstverständlich machen wir hier keine Fotos. Die Verstorbenen werden mit einem traditionellen Tanz verabschiedet, den eine kleine Gruppe von männlichen Maori-Mitgliedern in Bast- und Fellbekleidung aufführt. Tanzen ist eine wichtige Art der Kommunikationsform der Maori. Der bekannteste Tanz ist der Haka, eine Art Kriegstanz, der vor allem durch Neuseelands Rugbyteam bekannt wurde. Die Spieler der All Blacks führen diesen Tanz vor jedem Spiel auf, wobei alle Zuschauer, egal ob Maori oder Weiße mitmachen.

Ein Highlight der Führung ist die besondere Kochweise der Maori. So wird hier traditionell Essen in einem Erdofen zubereitet. Die heißen thermalen Dämpfe in dieser Gegend werden genutzt, um Fleisch, Fisch, Gemüse & Co. zu erhitzen. Dabei wird alles in einem Metalltopf gegeben und mehrere Stunden in den Ofen gestellt, der mit einer Holzplatte verdeckt wird. Merenia, unsere Führerin meint, sie stellt am Morgen ihre mitgebrachten Sachen hier rein und wenn sie um 14.00 Uhr mit der Arbeit fertig ist, ist auch ihr Essen fertig. So einfach geht es. :-)

Andere Sachen wie Reis oder Mais werden in einem Stoffsack direkt in eine der vielen heißen Quellen gegeben. Das Wasser ist so heiß, dass fünf Kilogramm Reis nur fünf Minuten brauchen.

Die Quellen werden hier natürlich nicht nur zum Kochen sondern auch zum Baden genutzt. So wird das heiße Wasser direkt von den Quellen in die Becken geleitet. Unsere Führerin erklärt uns, dass aber erst gebadet wird, wenn die Touristen abgezogen sind. Ein Schild weist sogar darauf hin, dass zwischen 8.30 und 17.00 Uhr das Baden verboten ist. Zwei kleine Jungs stört das aber weniger, wie wir später feststellen. :D

Beim Begräbnis ist uns schon aufgefallen, dass bei den Gebeten immer wieder Jesus erwähnt wurde. Wie könnte es anders sein, haben die Europäer nach ihrer Ankunft natürlich auch versucht, die Maori zu missionieren. Das hat auch erstaunlicherweise recht gut geklappt. So hat sich in Neuseeland in manchen Dörfern eine Mischform aus Maori-Glaube und Christentum entwickelt. So gibt es z.B. in anderen Gegenden Kirchen, die in traditioneller Maori-Bauweise errichtet wurden.   

Unsere Führerin erzählt uns, dass ihr Dorf hingegen in eine anglikanische Glaubensgruppe und in Katholische aufgeteilt wurde. Es wurde nämlich von den verschieden gläubigen Kolonisatoren (Briten, Holländer…) jeweils eine Kirche für beiden Glaubensrichtung errichtet und da der Maori-Stammesführer nicht genau wusste, wie er das jetzt anstellen soll, hat er einfach die eine Seite Dorfes zu Katholiken gemacht und die andere zu Anglikanern. So kommt es, dass Merenia zwar der gleichen Religionsgemeinschaft angehört wie ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder aber nicht. Logisch, oder? :D

Merenia glaubt aber ohnehin nur an ihre Maori-Götter, von denen es viele zu geben scheint. Zumindest haut sie einen Namen nach dem anderen raus (wir merken uns keinen davon). Für alles scheint es einen Gott zu geben (Fluss, Berg, Feuer, Geysir…), aber alle wurden von einem „Über-Gott“ erschaffen, der auch für den „Big Bang“ verantwortlich ist. Somit erklärt sich auch, warum sich der Maori-Glaube mit dem Christentum vermischen konnte.

Neben Tänzen sind Tätowierungen weitere wichtige Kommunikationsart der Maori. Die Tattoos erzählen nämlich ihre Herkunft, ihre Geschichte und ihren sozialen Status. Früher haben sie sich auch im Gesicht tätowiert, heute passiert aber eher nur noch selten. So zeigt auch Merenia die Verzierungen auf ihrer Haut, die von ihren Eltern und Großeltern erzählen. Der Grund der Tattoos früher war einfach. Wenn man zu einem anderen Maori-Stamm kam und man konnte sich aus irgendeinem Grund nicht mündlich verständigen, so erzählt der Körper, wer man ist und woher man kommt.

Von Whaka aus haben wir einen guten Blick die größten Geysire der Gegend. Leider ist heute nur der Kleinere der beiden aktiv und spritzt ca. sieben Meter hoch. Daneben gibt es einen Geysir, dessen Wasserfontänen 30 Meter hoch sind, allerdings ist dieser heute offenbar nicht in der Stimmung seine Kraft zu zeigen.

Wir dürfen uns dafür eine traditionelle Tanzaufführung ansehen. Zugegeben, das ist etwas auf das ich nicht besonders stehe - indigene Völker, die sich in angeblich „traditionelle“ Kleider werfen und vor einem hüpfen und singen. Irgendwie erinnert mich das immer an einen Zoo. Aber gut, wir haben ja schließlich auch Schuhplattler-Aufführungen in Österreich. Diese Art von Tourismus hat wohl durchaus seine Berechtigung.

Überraschenderweise wird es aber nicht so schlimm. Die ältere Dame, die durch die Veranstaltung führt, weiß wie man ein Publikum handhaben muss. Die Tänze der Mädchen erinnern stark an die hawaiianischen Tänze, was wenig verwunderlich ist, sind die Völker ja schließlich auch miteinander verwandt.

Die Männer schneiden Grimassen (aufgerissene Augen und weit rausgestreckte Zunge), was typisch für die Maori ist. Bei manchen merkt man, dass die Abfolge der Tänze noch nicht so gut einstudiert ist, da der Typ, der aussieht wie Aquaman (und ja, dessen Darsteller Jason Mamoa ist aus Hawaii, darum darf man sich auch über die Ähnlichkeit nicht wundern) seine Probleme hat, die rumfliegenden Stöcke zu fangen und zur richtigen Person weiterzuwerfen. :D

Überrascht sind wir vor allem von der Melodik der Gesänge. Musik indigener Völker außerhalb von Europa ist vielfach für europäische Ohren etwas gewöhnungsbedürftig. Gut, die Gitarre mit der die Stücke begleitet werden, ist ein Mitbringsel der Kolonialherren, das die Maori sich zu Nutzen gemacht haben. Aber unsere Führerin garantiert uns, dass dies der einzige Einfluss ist, welchen es auf die Lieder ihres Volkes gegeben hat. Singen können sie auf jeden Fall. Die Dame mit den lockigen Haaren hat eine unglaubliche Stimme und kommt damit in beeindruckende Höhen.

Danach gibt es noch die obligatorischen Fotos mit den Touristen. Zugegen, so ganz wohl fühle ich mich dabei immer noch nicht, vor allem weil ich der Dame neben mir anmerke, dass sie selbst keine große Freude dabei hat.

Danach wandern wir noch etwas durch das Dorf, statten dem Geysir noch einen Besuch ab (nein, er spukt immer noch nicht) und Armin gönnt sich einen Maiskolben aus der heißen Quelle, der – was für eine Überraschung – so schmeckt wie ein ganz normaler Maiskolben.

Alles in allem war der Ausflug aber wirklich toll, vor allem unsere Führerin hat die Sache sehr authentisch rübergebracht. So stolz sie auch auf ihre Herkunft und Kultur ist, über den sozialen Status im Land wird hier nicht geredet. Maori sind nämlich im Vergleich zur restlichen Bevölkerung – ich versuche das jetzt politisch korrekt zu formulieren – eher weniger in den gehobenen sozialen Schichten zu finden. Woran das genau liegen mag, über das kann ich jetzt hier nur spekulieren. Das Festhalten an den eigenen Traditionen (was ich absolute gerechtfertigt und förderungswürde finde) gehört sicher auch dazu. Vielmehr schockieren mich aber Merenias Sprachkenntnisse. Zwar plaudert sie im Kiwi-Englisch rum, gibt aber zu, Englisch eigentlich weder Schreiben noch Lesen zu können. Sie hat die Sprache nämlich erst mit 15 gelernt als sie auf eine normale Highschool gekommen ist. Zuvor ging sie in reine Maori-Schulen. Abgesehen davon, dass Englisch die wichtigste Fremdsprache der Welt ist, ist es die offizielle Amtssprache dieses Landes. Kauf- oder Mietverträge, Bankkonten, Versicherung… all das sollte man doch lesen und begreifen könne. Wenn die Schulbildung bei vielen anderen ähnlich verlaufen ist, wird es mit den Jobchancen natürlich schwierig.

Nach so viel kulturellem Input beschließen wir zur Küste raufzufahren und es uns am Meer gemütlich zu machen. Der Ozean liegt schließlich nur 60km entfernt. Auf dem Weg dorthin fahren wir durch Paengaroa. Die Gegend ist für ihr gutes Klima und die daraus resultierende Fruchtbarkeit bekannt. So gibt es hier viele Obstplantagen – unter anderem auch für Kiwis (diesmal die Früchte, nicht die Vögel :D).

Eigentlich wollten wir erst morgen eine Kiwi-Plantage besichtigen, aber irgendwie ergibt es sich gerade schön und so sitzen wir bald schon ein einem „Kiwi-Train“. Ja, der Marketing-Gag ist gelungen. Ein kleiner Bummelzug in Kiwi-Form. Wunderbar. :-)

Der Plantagenbesitzer erzählt uns in der nächsten Stunde alles Wissenswertes über die Pflanzen in Neuseeland. „Kiwis“ werden sie ja nur genannt, weil uns in Europa kein besserer Name für die Frucht eingefallen ist. Und da sie aus dem Land der Kiwis (also Neuseeländer) kommen, nannte man sie kurzerhand auch so. Die Kiwi-Frucht kam übrigens Anfang der 1950er Jahre nur per Zufall zu uns. Eigentlich wäre eine Lieferung an Zitronen geplant gewesen. Da die Zitronenernte aber damals miserabel war, nahm der Importeur kurzerhand die sehr sauer schmeckenden (weil noch nicht reifen) Kiwis mit. In Europa angekommen waren die Kiwis dann reif und essbar und bereit für den Siegeszug durch unsere Länder. Mittlerweile bauen wir in Italien, Frankreich und der Türkei auch Kiwis an. Diese stehen nicht nur in direkter Konkurrenz zu den neuseeländischen Ernten sondern überbrücken auch die Zeit, in der es in Neuseeland keine Kiwis gibt. Deshalb haben wir im März hier auch italienische Kiwis im Supermarkt gesehen. Die sind natürlich verhältnismäßig teuer (ca. 6€ pro Kilo). Neuseeländische Kiwis kosten hier pro Kilo (je nach Saison) zwischen 60cent und 3€.

Angebaut werden hier grüne und goldene Kiwis mit unterschiedlichen Süße-Graden. Einer der Hauptabnehmer der Früchte ist nämlich mittlerweile China und dort mag man es süßer. Nach Europa kommen hingegen die saureren Früchte, wobei Deutschland die sauersten bekommt, warum auch immer.

Die Kiwifrüchte werden auf Holzgestellen herangezogen, wobei ein Teil der Äste und Blätter nach oben geführt wird, damit durch mehr Sonne noch mehr Zucker für die Früchte erzeugt wird.

Die Erntesaison steht gerade vor der Türe und aktuell suchen die Firmen noch händeringend nach Pflückern und Verpackern. Normalerweise liegt der Stunden-Mindestlohn für diese Jobs bei 17,50$, aber aufgrund der aktuellen Situation wäre es gut möglich, dass man auch 25$ dafür bekommt, meint der Plantagenbesitzer. Armin schaut mich kurz grinsend an, aber ich winke ab. Ich habe keine Lust in die nächsten Wochen Kiwis zu pflücken. :D

Im Verkostungsraum zeigt uns der Besitzer auch neue Kiwi-Varianten wie z.B. die rote Kiwi. Hier ist das Fruchtfleisch rund um den weißen Kern rötlich gefärbt und sie schmeckt wesentlich süßer als die grüne Variante (die ich aber immer noch bevorzuge).

Diesen wirklich informativen (und auch leckeren) Ausflug dürfen wir unseren edlen Spendern Gudrun, Christian und Natascha Hofbauer widmen. Wir haben uns sehr über die Spende gefreut und schicken viele liebe Grüße nach Oberösterreich.

Nun geht es endlich an die Küste. Die kommende Nacht verbringen wir an der Spitze des Pukehina Beach. Der Campingplatz liegt nicht nur direkt am Strand, sondern auch bei einer Meeresbucht, in der es sich – so Armins Hoffnung – gut fischen lässt.

Das Wetter schlägt aber leider kurz nach unserer Ankunft um und so muss er mit Wind und Regen zurechtkommen. Dafür bekommt er von einem Fischerpärchen einige neue Köder geschenkt (Makrele). Und tatsächlich es funktioniert. Wenig später steht er mit fünf Fischen vor mir! Fünf Fische! :-)

Armin strahlt über das ganze Gesicht. Gefangen hat er übrigens fünf Meeräschen. Die zwei größeren davon gibt es heute sofort zum Abendessen. Die Tiere haben zwar viele Gräten, sind aber richtig „fleischig“ und sehr lecker. Stolz wie Oskar schickt er seinem Papa (ein leidenschaftlicher Fischer) Fotos von dem tollen Fang und wir verbringen noch einen schönen Abend im Camper.  

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